Take your broken heart and turn it into art …
Am Anfang dieses neuen Jahres, dem fünften Jahr der IGfB als Unternehmen und im siebten Jahr seit unserer ersten kleinen Veranstaltung, starten wir mit einem ganz neu entwickelten Curriculum: Family Counseling – beziehungsorientierte Beratung und familientherapeutische Interventionen durch. Die letzten Monate haben wir intensiv unsere Grundwerte und unser fachliches Wissen hinterfragt, manches verworfen und Neues in Bewährtes integriert. Der Lehrgang ist für Menschen gedacht, die sich – gut begleitet – in einen persönlichen und fachlichen Entwicklungs- und Lernprozess begeben wollen.
Wir verstehen Beratung und Familientherapie als persönlichen und individuellen Prozess, der die hilfesuchenden Einzelpersonen und Familiensysteme in der jeweils individuellen Lösungsfindung unterstützt und Veränderungspotentiale weckt.
Im Zusammenhang mit diesen Entwicklungsprozessen, haben mich die Worte „take your broken Heart and turn it into art“ von Meryl Streep (Golden Globes Speech Jan. 2017) letzte Woche berührt.
Ich versuche auch mein gebrochenes Herz in Kunst zu verwandeln. Manchmal ist das Ergebnis kunstvoll, manchmal nicht.
Die Verwandlung der eigenen Wunden, durch das eigene Tun ist ein wesentlicher Antrieb vieler Menschen, sei es als Partner, als Eltern, in unseren Berufen, in unserem ehrenamtlichen Engagement oder in anderen Bereichen.
Einer der Vorträge, die ich heuer im Herbst auf einer Fachtagung halten durfte, lautete „Familie tut weh“. In der Vorbereitung darauf und durch die Reaktionen anderer wurde ich immer wieder mit der Härte und der Unausweichlichkeit dieser Tatsache konfrontiert.
Warum tun wir was wir tun?
Egal ob in helfenden Berufen oder in anderen Bereichen, ist es die wahrscheinlich größte Triebfeder menschlichen Tuns, Leid zu lindern und Verletzungen zu heilen. Je nachdem wie wir „gestrickt“ sind, geschieht das durch Macht, den Erhalt von materiellen Gütern und Sicherheit, oder durch Beziehungen und Engagement für andere.
Alle von uns haben ein gebrochenes Herz, alle haben Wunden. Manche Wunden sind tiefer als andere, manche Lebensverläufe verlangen dem Einzelnen viel ab und die Gefahr aus dem Gleichgewicht zu geraten ist beim einen höher als bei der anderen.
Wann brechen Herzen?
Unser Herz bricht als Säugling in kleinen Schritten, wenn keiner da ist, der einfühlsam und stimmig auf mich und meine Bedürfnisse reagiert.
Unser Herz bricht als Kindergartenkind, wenn wir Ausgrenzungserfahrungen machen.
Unser Herz bricht als Schulkind, wenn unsere Neugier und unsere Lernlust keinen Raum bekommen.
Unser Herz bricht als Pubertierende, wenn nicht ausreichend Halt im Außen ist, und unser inneres Chaos überhandnimmt.
Unser Herz bricht als Jugendliche, wenn unsere Liebe und unser Sich öffnen nicht auf Gegenliebe trifft.
Unser Herz bricht, wenn wir unsere Kompetenzen nicht voll entwickeln können und uns nicht wertvoll erleben.
Unser Herz bricht, wenn vermeintliche Sicherheiten wegfallen.
Unser Herz bricht, wenn sich Freunde abwenden, weil sie unser Sein, wie wir sind, nicht ertragen.
Wir alle haben Erfahrungen, die wir keinem anderen wünschen.
Ja wir alle haben Verletzungen. Manche von denen wir wissen, viele die uns unbewusst antreiben und mit denen wir im Laufe unseres Lebens in Berührung kommen, wenn Narben aufbrechen. Manchmal treiben Sie uns in die Flucht vor uns selbst und manchmal in engagiertes Tun, manchmal in Führungsrollen und manchmal in Opferrollen.
Viel zu oft treiben sie uns unbewusst über unsere eigenen und über die Grenzen anderer. Dann wirkt unser gebrochenes Herz destruktiv.
Und wie wird unser gebrochenes Herz zu Kunst? Zu etwas Schönem, etwas Wertvollem, etwas Inspirierendem?
Für viele von uns ist dieser Wunsch, den wir selten so formulieren, die Triebfeder, der Grund sich mit den schmerzvollen, schwierigen Seiten des Lebens zu befassen. In unseren Worten, wollen wir sinnvoll wirken, wollen wir Menschen stärken, Defizite ausgleichen und Verletzungen heilen.
Und in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern wollen wir Schlimmes verhindern.
Aber die Konfrontation mit den eigenen Wunden und mit dem existentiellen Schmerz des Gegenübers ist die größte Herausforderung der Arbeit mit Menschen.
Damit die Begegnung und die Intervention wirklich zu etwas Kunstvollen, etwas Menschlichen, etwas Stärkenden, Schönen und Lebensbejahenden wird, müssen wir unser eigenes gebrochenes Herz unsere eigenen Wunden versorgen. Ohne die Verwandlung des Eigenen zu etwas Schönem, Persönlichem und Integriertem kann unser Bemühen Schaden anrichten. Oft steht dann Fachwissen, eine vermeintliche Lösung oder ein methodisches Vorgehen zwischen uns und dem anderen. Statt Struktur und Hilfe werden sie zur Mauer.
Die Sehnsucht nach menschlicher Begegnung und echtem Kontakt, wir dann durch
- sich sorgen,
- sich kümmern,
- umsorgt werden,
- Abhängigkeit,
- Harmonie
- den Wunsch, dass der*die andere Verantwortung übernimmt
- und vielem mehr … ausgelebt
Diese Spielarten der Begegnung haben alle ihre Daseinsberechtigung, aber verhindern manchmal die Kunst der wahren Begegnung, des echten Kontakts der Interaktion.
Momente des echten Kontaktes, sich verletzlich zeigen, das Halten des Schmerzes und das Teilen der jeweiligen Realität sind immer wieder Momente versteckter Schönheit, in denen wir diese menschliche Kunst des Miteinanders lernen und aus denen befreite, freudige und entspannte Räume der Weiterentwicklung entstehen.
Danke für das Lesen und Teilhaben an unserer Arbeit.
Wir freuen uns, wenn Ihr von unserer Arbeit weitererzählt und unsere Arbeit durch Euer Teilnehmen unterstützt. Auf Anfrage kommen wir auch gerne zu Euch.
Ich wünsche Euch im Namen des gesamten IGfB Teams ein schönes, wertvolles und „kunstvolles“ neues Jahr 2017
Robin Menges